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Die Kraft der Berührung

Eine Umarmung tröstet oft mehr als Worte, und eine Hand zu halten, gibt Sicherheit. Hautkontakt ist unverzichtbar. Fehlt er, bleibt die Intelligenz zurück, das Immunsystem schwächelt. Plädoyer für ein spürbar starkes Miteinander

Text: Natalie Rösner

Erinnern Sie sich noch, als Sie das erste Mal die Hand des Jungen hielten, in den Sie verliebt waren? An den zarten Druck der Finger, das Kribbeln im Körper, die Glücksfontäne im Kopf? Es ist eine kleine Berührung – aber mit großer Wirkung. Patienten empfinden ihre Behandlung als weniger unangenehm, wenn ihnen eine Krankenschwester dabei die Hand hält. Und Kinder kommen zur Ruhe, wenn man mit dem Daumen die Kuhle in ihrem Handteller massiert. Eine einfache Berührung, die vieles vermag – Zusammenhalt zeigen, Zuneigung versichern, ein Versprechen besiegeln, trösten und besänftigen, effektiver oft als jede Beruhigungspille.

Botschaften für die Seele
Berührung ist unsere erste Sprache. Sie erzählt von Sicherheit und dem Geliebtwerden. Sie sagt uns: Du bist nicht alleine. Wenn die Haut diese Botschaft zum ersten Mal spürt, ist der Mensch zweieinhalb Zentimeter groß und seit sieben Wochen im Bauch der Mutter. Er wird erst Monate später riechen und hören können, nach der Geburt gerade mal unscharf sehen. Das Verlangen zu berühren, bleibt ein Leben lang bestehen. Instinktiv nehmen wir einen traurigen Freund in den Arm; wen wir mögen, liebkosen und küssen wir, und beim Sex genießen wir die Haut eines anderen so intensiv wie ansonsten nie. Körperkontakt ist wohltuend und mehr noch: für uns fast so wichtig wie Nahrung oder die Luft zum Atmen, sagt der Gießener Professor für Psychosomatik und Dermatologie Uwe Gieler. Zehn, vielleicht sogar 20 Millionen Sinneszellen erspüren fortwährend ein Feuerwerk an taktilen Signalen auf unserer äußeren Hülle, messen Druck und Wärme, Formen, Strukturen und Gewicht. Sie nehmen bereits einen Lufthauch wahr, der die Haare nur um ein tausendstel Millimeter krümmt. Selbst wenn wir schlafen, scannen sie die Lage und die Temperatur unserer Glieder und melden dem Gehirn, wann es an der Zeit ist, sich mal wieder zu drehen. Ein Bruchteil dieser Nachrichtenflut dringt bewusst zu uns vor: das Schildchen im Hemd, dass beharrlich kratzt. Der Ellenbogen des Kerls, der im Flugzeug die Armlehne beschlagnahmt. 700 Tastsensoren sitzen dicht an dicht in einer einzigen Fingerkuppe, und küssen ist auch deshalb grandios, weil Lippen und Zunge (neben den anderen erogenen Zonen) die empfindsamsten Teile des Körpers sind. Jede Zärtlichkeit übesetzen Rezeptoren in elektrische Signale und feuern sie mit bis zu 50 Meter pro Sekunde ans Gehirn. Prompt wird die Produktion von Stresshormonen runtergefahren, schmerzdämpfende Substanzen werden freigesetzt, Nervenbotenstoffe aktiviert, die einen besänftigenden Einfluss auf Entzündungsreaktionen haben. Der Blutdruck sinkt, der Atem geht tiefer. Das Kuschel-Hormon Oxytocin wird ausgeschüttet, das die Bindung zwischen zwei Menschen vertieft; der Körper bildet es auch beim Stillen und beim Orgasmus. Die amerikanische Sexberaterin Lou Paget geht davon aus, dass es Partnern besser gelingt, auch nach langen gemeinsamen Jahren ein erfülltes Liebesleben zu haben, wenn sie sich im Alltag häufig berühren. Einander streicheln, zum Beispiel. Lernen müssen wir diese Berührung nicht, der Mensch beherrscht sie von Natur aus. Instinktiv streicheln wir kleine Kinder oder Katzen 40-mal in der Minute – das ist die Frequenz, bei dem der Körper das meiste Oxytocin ausschüttet. Beachtlich auch: Wer seine Liebsten oft liebkost, tut nicht nur ihnen etwas Gutes, sondern auch sich selbst. Forscher des Londoner Imperial College beobachteten Mütter mit Wochenbett- Depressionen, die einen Kurs für Babymassage besuchten. Nach dem Kurs fühlten sich die Frauen besser und entwickelten einen engeren Kontakt zu ihren Kindern als Frauen mit den gleichen Symptomen, die den Kurs nicht belegt hatten.

Massagen stärken das Immunsystem
Berührungen gehören zu den ältesten Heilmethoden der Welt. Vor der Einführung von pharmazeutischen Arzneimitteln behandelten Mediziner meist durch das Auflegen ihrer Hände. „Der Arzt muss in vielen Dingen bewandert sein, vor allem im Reiben“, schrieb der griechische Arzt Hippokrates etwa 400 v. Chr. Heute hingegen will die Schulmedizin Heilung bewirken, indem sie den Körper durch manuelle Therapien wie Einrenken, Dehnen oder Strecken repariert, anstatt mehr der Kraft der Berührung zu vertrauen. Dabei beweisen am Beispiel der Massage viele Studien deren Wirkung:
Schmusen steigert die Intelligenz
Das Touch Research Institute in Miami (USA) widmet sich seit mehr als 15 Jahren der Erkundung von Hautkontakten. In über 100 Studien untersuchten die Forscher die Wirkung von regelmäßiger Massage auf Beschwerden und Krankheiten wie PMS, Asthma, Brustkrebs, Diabetes, Migräne. Sie verzeichneten eine verbesserte Immunabwehr, weniger Ängste, mehr Lebensqualität.

700 Sensoren sitzen auf einer Fingerspitze
Tiere brauchen Körperkontakt zum Überleben. Neugeborene Rattenbabys sterben, wenn ihnen die Mutter das Fell nicht leckt, selten berührte Affen werden aggressiv. Bei Menschen ist es nicht anders. Wenn kleine Kinder körperliche Nähe lange entbehren müssen, wachsen sie langsamer und erkranken oft, ganz gleich, wie gut sie ernährt werden. In den 1930er Jahren, berichtet der Hautexperte Uwe Gieler, wurde in britischen Waisenhäusern eingeführt, dass Kinder öfter auf den Arm genommen und gestreichelt wurden – die Sterblichkeitsrate sank um 30 Prozent. Was Zärtlichkeiten für zu früh geborene Babys bedeuten können, beobachtete Tiffany Field, die Leiterin des Touch Research Institutes. Die Psychologin fand heraus, dass Frühchen, die mehrmals täglich eine Viertelstunde massiert wurden, um 47 Prozent schneller zunehmen als Babys, die einsam in ihren Brutkästen lagen. Die häufig berührten Babys schliefen außerdem besser, waren ausgeglichener und konnten früher mit den Eltern nach Hause. „Häufiger Körperkontakt macht Kinder gesünder, kräftiger und klüger“, erklärt Dr. Martin Grunwald, Psychologe und Leiter des Haptiklabors der Universität Leipzig. Gehirnaufnahmen von Babys zeigten: Durch zärtliche Zuneigung beginnen sich bereits angelegte Nervenzellen zu verschalten, das Gehirn wächst. Mit einem taktilen Reiz nehmen wir nicht nur seidige Stoffe und weiche Haut wahr, sondern auch uns selbst. Denn unablässig liefert der Tastsinn dem Gehirn Momentaufnahmen unseres Körpers: Wie er sich gerade bewegt, wie entspannt er ist. Wissenschaftler führen deshalb Magersucht oder das krankhaft ausgeprägte Gefühl, hässlich zu sein, auch darauf zurück, dass der Mensch ein falsches Bild von sich entwickelte, weil er falsch berührt wurde: viel zu wenig oder mit Gewalt. Unsere Erfahrung in der Kindheit bestimmt auch, wie viel körperliche Nähe wir später zulassen. Generell ist Jugendlichen zu viel Hautkontakt peinlich, ältere Menschen ab etwa 60 Jahren werden kaum noch berührt. „Als Erwachsene haben wir gelernt, unser ursprüngliches Bedürfnis zu verdrängen und uns mit den Ersatzbefriedigungen der Konsumgesellschaft zu begnügen“, sagt Uwe Gieler. Mit Peelings, schmeichelnd geformten Computertastaturen, Heizkissen fürs Auto und Massageduschköpfen.

Haben Sie heute eigentlich schon jemandem die Hand gehalten?